Manches ist einfach Zufall. Ich kann mich noch an den ersten Moment erinnern, als ich mit dem Thema Canfranc in Berührung kam. Voller Staunen stand ich da und blickte auf die Fotos in der Zeitschrift, die wir im Autohaus mitgenommen hatten. Unglaublich, dachte ich! So ein Wahnsinns-Gebäude in Mitten des Nichts einer spektakulären, nordspanischen Landschaft. Gleichzeitig regte sich der Architektur-Fotograf in mir. Die Fotos in dem Artikel waren nicht außergewöhnlich und so packte mich der Ehrgeiz, bessere Bilder dieser Anlage zu machen.

Das war der Beginn dieses Projektes. Es begann ohne klare Zielsetzung, einfach als freie fotografische Arbeit abseits des Tagesgeschäftes, aus purer Freude an der Fotografie. Ich konnte einen Freund und Kollegen mit meiner Begeisterung für Canfranc anstecken, mit dem zusammen ich die Vorbereitungen anging. Dadurch, dass wir uns gegenseitig ermutigten, wurde das Projekt tatsächlich Wirklichkeit. Wir luden die Ausrüstung ins Auto und machten uns recht unbefangen auf den Weg.

Das Canfranc-ProjektIn Canfranc angekommen merkte ich, wie sehr mich die morbide Atmosphäre, der Schmutz und der Geruch nach Schimmel bedrückte. Und ich brauchte, auch bedingt durch das kalte und feuchte Wetter, eineinhalb Tage, um zum ersten Mal die Kamera aufzubauen. Dann gab es kein Halten mehr, die Professionalität kam durch und ließ angesichts der begrenzten Zeit keine Verzögerungen mehr zu. So entstanden in fünf Tagen bestimmt fünfzig oder mehr Aufnahmen mit der 4×5″-Fachkamera und ein Gefühl der Begeisterung angesichts des riesigen Bahnhofs und der fotografischen Auseinandersetzung mit ihm.

Zurück im Studio machte ich mich sorgfältig an die umfangreiche Laborarbeit. Als alle Negative entwickelt waren und ich das Ergebnis auf dem Leuchttisch hatte, kamen mir auf einmal Zweifel, ob ich damit als Bildautor, meinen Erwartungen an mich selbst entsprechend, ein gutes oder herausragendes Bildergebnis vorlegen könnte. Das Resultat war irgendwie noch nicht „rund“. Einigermaßen bedrückt legte ich die Arbeit im Archiv nieder, und versuchte, erst einmal nicht mehr daran zu denken und etwas Zeit ins Land gehen zu lassen.

Das änderte sich erst, als im Winter die Idee aufkam, im Rahmen einer gemeinsamen Atelierausstellung die Ergebnisse der Fahrt interessierten Betrachtern vorzustellen. Stundenlang stand ich nach der täglichen Arbeit bis spät in die Nacht im Labor und machte die Fine-Art-Prints meiner Bilder. Dabei wurde mir zum ersten Mal klar, dass es zum Einen gute Aufnahmen waren und zum Anderen, dass es sich um ein äußerst spannendes Projekt mit Zukunftsperspektive handelte. Der stille, dunkle Ausstellungsraum mit den gut beleuchteten Bildern ist mir noch heute in Erinnerung, zusammen mit der Renaissance-Musik, die dazu im Hintergrund lief.

Und so konnte ich den nächsten Kollegen mit dem Canfranc-Virus anstecken. Es folgte im Jahr danach eine weitere Fahrt und viele Aufnahmen, diesmal, bei Dauerregen, besonders in den Innenräumen, die wir im ersten Jahr nicht hatten betreten können. Auch in den weiteren Jahren organisierte ich im Sommer eine Fahrt nach Canfranc, um die Arbeit an diesem Projekt fortzusetzen. Die hier gezeigten Bilder entstanden in den Jahren 1996 – 2000, als für mich klar wurde, dass die fotografische Arbeit geendet hatte, auch bedingt durch den zunehmenden Verfall und den Vandalismus, der dort ebenfalls viel zerstört hatte.

Canfranc ist mir auf diese Weise wie kein anderer Ort ans Herz gewachsen. Und ich wünsche mir, das der Betrachter meiner Bilder dieses Gefühl in den Aufnahmen wiederfinden kann. Ich versuche, den Bahnhof erneut zu besuchen, wenn ich in der Nähe bin, nicht mehr um zu fotografieren, sondern aus innerer Verbundenheit. Der Platz hat sich verändert, vieles ist nicht mehr aufzufinden, was auf den Fotos noch zu sehen ist. Und doch laufe ich jedes Mal mindestens zwei Stunden in Ruhe und Stille über das Gelände, um das alte Gefühl der Vertrautheit wieder entstehen zu lassen. Ich hoffe noch immer auf den Erhalt der Anlage, besonders des Bahnhofs, und auf die Wiederinbetriebnahme der Strecke dorthin. Und wenn es einmal ein Buch mit meinen Fotos geben sollte, ist das Canfranc-Projekt vollendet!

© Matthias Maas 2019